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Taschenbuch:   ISBN: 9783565572489
eBook(ePub):   ISBN: 9783565572502
Seiten: 556

 

Inhaltsangabe:

Der Kriminalhauptkommissar Martin Lüpke, Spitzname Lüppi, und sein Team ermitteln nach und nach in fünf Fällen. Ihm ersten Fall wird eine Podologin, sprich eine Fußpflegerin, in einem Park zweimal erstochen aufgefunden. Todesopfer Nr. 2 wird in einem Parkhaus, nach einer Auseinandersetzung, von einem Auto absichtlich überfahren. Der ungeklärte Todesfall einer älteren Dame ist Fall Nr. 3. In den Fällen Nr. 4 und 5 geht es um den Richter aus Band 11, dessen Frau durch einen Verkehrsunfall absichtlich verletzt wird. Dem nicht genug, wird dessen Sekretärin wenig später vermisst.


 

Leseprobe:

1. Dezember 1995, Freitag, 8.30 Uhr
Polizeipräsidium Essen

Nachdem Gördi mal wieder für alle Kaffee gekocht und auch allen eine Tasse voll eingeschüttet hatte, war die erste Fallakte fertig. Es war die von Peter Stievens. Heike kam zu Lüppi und legte diese vor ihm auf seinen Schreibtisch.

„Hat eure Nina heute Morgen noch etwas zu gestern gesagt?“, wollte er wissen.

„Ja, hat sie, in der Tat. Sie fand deinen Vorschlag mit den Staffelpreisen‘ zuerst ja voll doof. Heute Morgen meinte sie dann, es wäre nur mehr als fair und wir setzen jetzt deinen Vorschlag mit den ‚Staffelpreisen‘ um“, antwortete Heike.

„Habt ihr schon eine Idee wie?“, fragte Petra.

„Ja, haben wir und auch schon mit Nina besprochen, heute Morgen“, antwortete Heike und sagte nach einem Augenblick weiter.
„Da hatte mein Gerhard eine tolle Idee.“

„Dann erzähl mal, Gördi“, bat Petra.

„Sie bekommt 10 DM für die Note 1. 5 DM für Note 2. 2,50 für eine 3 und sie muss an uns 2,50 zahlen, wenn sie eine 4 mit nach Hause bringt. Bei einer 5 zahlt sie uns dann einen 5er und bei einer 6, die sie noch nie hatte, kostet es sie einen 10er“, erklärte Vater Gördi.

„Sie bekommt also Geld für gute Noten und muss zahlen, wenn sie schlechte Noten mitbringt“, gab Petra wieder.

„Ganz genau“, bestätigte Heike.

„Nachdem wir drei das so festgelegt hatten, meinte Nina zu uns, wir bräuchten gar nicht darauf hoffen, von ihr Geld zu bekommen. Es würde sich wohl ab jetzt so verhalten, dass wir zwei immer zahlen müssten“, informierte Gördi.

„Hattet ihr sieben gestern wieder eine eurer Hausratsbesprechung?“, fragte Björn nach.

„Ja, hatten wir, nachdem Nina von Lüppi wollte, dass er mich verhaftet und Mario mich wegen Unterschlagung anklagen sollte“, gab Gördi den Ausgang vom Vortag wieder und erzählte für die anderen vier noch mal etwas ausführlicher.

„Eure Nina gefällt mir“, sagte Jasmin am Ende des Berichtes.

„Das muss ich aber auch sagen. Sie scheint ja echt cool zu sein“, fand Silke.
Lüppi bemerkte an Silke, sie taute langsam auf und er hatte den Eindruck, ihr schien der Wechsel möglicherweise inzwischen ganz Recht zu sein.
Im Anschluss nach dem Familienbericht von Heike und Gördi schlug er die Fallakte auf. Schaute wie üblich einmal durch und schrieb vorne auf den Pappdeckel, auch wie
üblich, seinen Abschlusstext. Dabei überlegte er zeitweise etwas länger. Als er fertig war, gab er die Fallakte an Petra, die sie zur Ansicht auf ihren Schreibtisch legte.

„Petra, lies doch bitte vor“, bat Meik und war neugierig.

„Aber gerne“, sagte sie und las.

‚Dieser Mann hat sein Leben verloren, weil er als verurteilter
Straftäter plötzlich sein Gewissen wiedergefunden hatte und wieder Recht von Unrecht unterscheiden konnte und das nach nur 5 Jahren Haft und einer viel zu frühen Entlassung. Dem Täter war nicht klar, dass sein Opfer, der als Apotheker für den Tod von 45 Menschen durch gepanschte Krebs-Arzneimittel verantwortlich gewesen ist, bei der von ihm hochgefährlichen MDMA-Mischung nicht tatenlos zusehen wollte.‘
M. Lüpke

„Wau, der ist richtig gut“, fand Björn.
Nach und nach kamen auch die neunzehn Fallakten der Todesopfer zu Lüppi auf den Tisch, die an zu hochdosiertem
Ecstasy gestorben waren.
Dabei unterließ er es einen Abschlusstext zu schreiben, da diese Fallakten noch am gleichen Tag der GER übergeben werden sollten.

 

Freitag, 11.00 Uhr
Polizeipräsidium Essen

Alle Kriminalbeamte der KK11 hatten sich im Büro von Lüppi und den seinen, eingefunden. Mit dazu hatten sich die drei Kommissare der KK12, zuständig für BTM-Delikte, sprich für Betäubungsmitteldelikte, gleichfalls eingefunden. Von der Abteilung GER, was für Gemeinsame Ermittlungsgruppe Rauschgift steht, waren die zwei Leiter, die Herren Ulrich Wackenhut und Tobias Braun mit dabei. Auch anwesend war der zuständige Staatsanwalt Mario Minnelli.
Mehr als die Hälfte musste bei der Besprechung stehen bleiben, weil nicht genügend Stühle für alle vorhanden waren. Der Einsatz für den Abend am gleichen Tag wurde einmal komplett besprochen, wobei hier Ulrich und Tobias von der GER den besagten Ton und die Richtung vorgaben. Dies schien den dreien von der BTM nicht ganz zu gefallen, was ihnen an ihren Gesichtern abzulesen war.
Sagen taten sie aber nichts dagegen.
Da die GER nach dem abendlichen Einsatz die bis dahin bekannten neunzehn Fälle der Toten durch das hochdosierte MDMA übernehmen würden, stellten sie mit ihren Leuten und der
Zollfahndung den größten Personenanteil für den geplanten Einsatz am gleichen Tag.
Die ausführliche Besprechung dauerte fast eine Stunde, bis…, ja bis… Petra´s Telefon schellte und der wachhabende Streifenkollege aus der Wache von unten ihr mitteilte.

„Petra, es gibt eine Tote in Essen Huttrop.“

„Oh…, ja, kläre ich hier bei uns ab und es kommen zwei von uns dort hin. Wo genau ist das denn?“, fragte sie nach.
Dies teilte ihr der Streifenkollege mit und informierte sie, die KTU wäre schon verständigt. Petra bedankte sich und beide beendeten das Gespräch.

„Es gibt eine Frauenleiche in Huttrop“, sagte sie in Richtung Lüppi.
Lüppi schaute sich um und schien zu überlegen, wen er schicken könnte oder sollte. Alle sahen ihn an. Nach ein paar Augenblicken stellte er die Frage.

„Petra und mich braucht ihr doch im Augenblick nicht“, sagte er zu den anderen und teilte Gördi mit.
„Wenn was sein sollte, dann übernimmst du, Gördi.“

„Ja, geht klar“, bestätigte er.
Petra war leicht überrascht, sah aber wie Lüppi sich seine Jacke nahm und stand dann auch auf. Zwei Minuten später waren die beiden weg.
Zurück blieben 23 Kolleginnen und Kollegen. Selbstbewusst führte Gördi mit Ulrich die Besprechung noch eine Zeit weiter.

 

Freitag, 11.45 Uhr
Italien, Lago Maggiore
Haus oberhalb vom Ort Cannero Rivera

Bernardo Carbone, Maria Damico, Michele Alessandro Mascali und Gianna Rizzi saßen zusammen im Wohnzimmer und sprachen über die gemeinsame Zukunft. Maria´s ‚Brummbär‘ hatte sich wieder eingekriegt, so schien es jedenfalls für die beiden Frauen. Michele war da nicht so ganz von überzeugt, ob sein Freund damit leben konnte, über kurz oder lang nicht mehr der große Sporgenza Superiore von Sizilien zu sein.
Die Mancini-Brüder, Marco und Antonio, waren seit dem Morgen mit ihrem Fiat Leihwagen unterwegs und versuchten Handwerksfirmen aufzutreiben, die in der Lage waren recht kurzfristig mit den Umbauten am Hotel und Restaurante zu beginnen. Nach den ersten zwölf Firmen stellten sie leider fest, keiner der Firmen hatte auf ihr kommen gewartet und keine konnte innerhalb der nächsten 3 bis 6 Monate mit den Arbeiten im und am Hotel anfangen. Die zwei saßen zu dem Zeitpunkt in ihrem Kleinwagen und überlegten, ob sie es in der Schweiz oder in Richtung Mailand versuchen sollten. Ein wiederkommen ohne einen Plan, wann welche Firma anfangen würde, war für ihren Obersten Boss Bernardo überhaupt keine Option.
Doof war nur, vor dem Wegfahren der Brüder hatte Michele genau das schon prophezeit. Nach einigem Überlegen entschieden sich die zwei es bei Handwerksfirmen um und in Mailand zu versuchen. Marco saß auf dem Beifahrersitz und wollte schon fast anfangen zu beten, was sein Bruder bemerkte.

„Was ist los?“

„Ich frage mich was wir machen, wenn wir auch dort keine Firmen finden, die Zeit haben“, antwortete Marco.

„Ganz einfach, dann überreden wir die, auf unsere ganz sympathische Art und bringen sie dazu doch Zeit für uns zu haben“, antwortete Antonio.

Giacomo wüsste wahrscheinlich, was jetzt zu tun ist“, war sich Marco sicher.

 

Freitag, 12.40 Uhr
Essen Huttrop im Siepental

Lüppi fuhr die Lanterstraße entlang und bog in die Straße ‚Am Krausen Bäumchen‘ ein. Zu Ihrer Info, früher ging das noch, heute ist der untere Teil der Straße für den Verkehr gesperrt.
Zwei Streifenwagen standen dort ein paar Meter weiter. Einer am Straßenrand, der andere auf einem Fußweg in den dortigen Park. Ein Mercedes 190 parkte auch am Straßenrand. Nach etwas umschauen sah Petra einen der Kollegen, der zig Meter entfernt auf dem dortigen Fußweg im parkähnlichen Bereich stand. Er war dabei Spaziergänger und Radfahrer von dem Bereich des Parks fernzuhalten. Petra war selbst noch nie in der Ecke von Essen gewesen.
Eine weitere Information für Sie, der kleine Park zieht sich durch den Großteil des Siepental´s.
Beide gingen auf den Streifenkollegen zu, der Lüppi erkannte und beide durch ließ.

„Hallo, weißt du wo wir hin müssen?“, erkundigte sich Lüppi bei ihm.

„Ca. 60 Meter den Weg entlang. Die Leiche liegt auf der linken Seite unter Büschen. Die Kollegen sind vor Ort“, kam der Hinweis von ihm.
Die zwei bedankten sich und gingen bis sie vier Kollegen sahen. Bei den ersten beiden blieben die zwei stehen. Bei ihnen erkundigten sie sich nach dem Fund. Ein Streifenkollege zeigte auf einen dicht bewachsenen Busch, der sich etwa fünf Meter entfernt befand. Beide schauten in die besagte Richtung. Sie standen auf dem Weg davor und sahen sie nicht. Von der Frauenleiche war nur ein Stück schwarzer Schuh unter dem Busch zu erkennen und der auch nur auf den zweiten Blick.
Die beiden anderen Streifenbeamte standen einige Meter von ihnen entfernt, so zu sagen auf der anderen Seite des Leichenfundes und waren dabei die Passanten am weitergehen zu hindern, was ihnen nicht bei allen sofort gelang.

„Wer hat die Leiche gefunden?“, fragten Petra und Lüppi gleichzeitig und mussten beide lächeln.

„Der Gärtner! Der war mit Rasenmähen beschäftigt und ist mit dem Aufsitzrasenmäher ganz dicht an den Busch gefahren und hat dabei den Schuh entdeckt. Ist abgestiegen und hat uns dann im Anschluss verständigt.“
Nachdem sich beide fragend angesehen hatten, um zu sehen, ob der andere von beiden etwas sagen wollte, fragte Petra nach.

„Wo ist der gute Mann jetzt?“

„Der ist weiter im Park unterwegs, Rasenmähen.“
Beide gingen auf den Busch zu, hoben ein paar Äste beiseite und schauten hinein. Dort lag eine Frau auf ihrem Gesicht. Mittelbraune Haare waren zu sehen. Die Kleidung sah nicht mehr sauber aus und es schien so als wenn die Frau dort schon etwas länger liegen würde. Lüppi schätzte ein paar Tage. Sie trug normale Straßenkleidung, nichts auffälliges oder ungewöhnliches in Beige und hellgrau. Petra fand.

„So ganz passen die Farben aber nicht zusammen. Es sieht etwas unharmonisch aus und dazu die schwarzen Turnschuhe. Ich weiß nicht…, man könnte auf die Idee kommen, sie hatte es eilig beim Anziehen.“
Lüppi schaute seine Tochter leicht ungläubig an.

„Das ist jetzt dein Ernst?“, fragte er nach.

„Ja und warum hat sie keine Jacke an?“

„Keine Ahnung, weil ihr warm war“, konnte er sich vorstellen.

„Haben die Kollegen schon in ihren Taschen nachgeschaut?“

„Weiß nicht, fragen wir sie“, erwiderte er und drehte sich zu den beiden um.

„Hat sie Papiere oder sonst etwas bei sich?“

„Haben wir nicht nachgeschaut“, antwortete der rechte.

„Wir wollten den Tatort nicht verunreinigen“, fügte der linke hinzu.

„Soll ich?“ fragte Petra ihn.

„Nö, lass mal, da kann gleich Horst mit seinen Lieben nachschauen“, bekam sie zur Antwort.
Lange mussten sie auch nicht warten, bis Horst und Moris vor Ort ankamen.
Während Moris ins Unterholz krabbelte, Petra ihm ein paar Äste beiseite hielt, machte er Fotos vom Zustand des Auffindens. Währenddessen sprachen die beiden alten Schulfreunde Horst und Lüppi miteinander. Nach einigen Minuten, Moris war fertig mit den Aufnahmen, trugen er, Petra und die zwei Streifenpolizisten den Leichnam vorsichtig, leicht über den Boden schleifend, aus dem Dickicht. Anschließend drehten sie die Frau auf ihren Rücken um.
Sie sahen sofort, sie hatte zwei Stichverletzungen im Oberkörper. Auf ihrer Jacke und der Hose war heruntergelaufenes und getropftes Blut festzustellen. An Hand ihrer dreckigen Hände und der Hose im Bereich beider Kniee war sie vor irgendjemandem auf allen vieren in den Busch gekrabbelt. Dort so schien es, war sie dann ihren Verletzungen erlegen.

„Horst“, sprach Lüppi ihn an.
„Was glaubst du, wie lange lag sie dort?“

„Einige Stunden, könnte auch ein Tag gewesen sein“, war seine Annahme.

„Mich wundert es, dass kein Hund sie zuvor gefunden hat“, sagte Petra.

„Das könnte daran liegen, es besteht hier im Park Anleinpflicht“, wusste einer der Streifenbeamte.

„Stimmt“, bestätigte sein Kollege.
„Wir werden immer mal wieder hierher gerufen, weil jemand seinen Hund oder sogar seine drei Hunde frei
herumlaufen lässt und Spaziergänger sich gestört fühlen.“
Wie sich kurze Zeit später herausstellte, hatte die Verstorbene außer einem Schlüsselbund mit vier Schlüsseln und einem Autoschlüssel für einen Mercedes nichts bei sich. Keine Papiere und keine Geldbörse.
Petra entdeckte zufällig auf zwei Grashalmen je einen Blutstropfen. Danach machte sie folgenden Vorschlag.

„Sollen wir mal versuchen, ob wir der Blutspur folgen können?“, frage sie in Richtung ihres Vater´s.

„Können wir“, entgegnete er und kam auch auf die Wiese. Ab den zwei besagten Grashalmen schauten sich die beiden weiter um und fanden prompt noch einen. Wie beiden schnell auffiel, waren die Abstände so ziemlich gleich. Einen Meter schätzte Petra sie. Ab da schauten sich die zwei weiter um und stellten fest, die Blutspur ging bis zum asphaltierten Weg. Dort fanden sie zwar noch weitere, sechs Stück um genau zu sein, aber keine weiteren. Beide sahen sich weiter um. Auf der gegenüber liegenden Wiese, schräg rechts vom Fundort, über den Fußweg hinweg, fanden sie nahe eines Laubbaums eine deutlich größere Stelle. Nachdem Horst dazu rufen worden war, stellte er fest, diese Stelle schien schon mehrfach von umliegendem Erdreich überworfen zu sein. Es hatte wohl den einen und anderen Hund gegeben, der dort seine Nase in der Blutlache gehabt haben musste. Nach vorsichtigem säubern der überworfenen Erde über Teile der Blutlache konnte die ursprüngliche Größe der Blutlache festgestellt werden. Während Horst mit der
Rekonstruktion der Lache beschäftigt war fand Petra noch etwas.

„Hier sind weitere Blutspritzer auf der Wiese“, teilte sie Horst und Lüppi mit.
Ab diesen Stellen suchten Lüppi und sie weiter und folgten auch dieser Spur. Sie stellten fest, die Spur ging quer über die Wiese. Die Frau schien eine Art Abkürzung über diese
  genommen zu haben, da der asphaltierte Fußweg in dem Bereich des Parks einen größeren Bogen macht. Nach suchen der Blutspritzer stellten die zwei dann fest, die Frau hatte nicht vom Fußweg über die Wiese eine Abkürzung genommen, wie zu Anfang vermutet, sondern war von der Straße ‚Am Krausen Bäumchen‘ losgelaufen. Auf dem Weg dorthin wurden die Abstände immer geringer. Unter einem weiteren Baum, welcher mit Büschen fast ringsherum zugewachsen schien, fanden beide nach fast einer halben Stunde eine weitere Blutlache. Auch diese schien durchschnuppert und durchwühlt worden zu sein. Auch zu dieser Stelle wurde Horst später gerufen. An Hand der festgestellten Spuren konnte zum späteren Zeitpunkt folgende Annahme
getroffen werden. Das Opfer schien von der Straße ‚Am Krausen Bäumchen‘ aus in den Park gelaufen zu sein. Den ersten Schutz hatte sie unter dem fast zugewachsenem Baum gesucht, wo sie eine erste Stichverletzung erlitten hatte. Von dort aus schien sie dann weiter über die Wiese in den Park gelaufen zu sein, bis zu dem Baum wo die erste Blutlache gefunden worden war. Im Ablauf war diese Stelle aber eigentlich die zweite gewesen. Dort schien ihr der zweite Stich in den Oberkörper zugefügt worden zu sein. Vom zweiten Baum aus war sie dann quer über den Fußweg zu den Büschen gelaufen und war dort auf allen vieren unter einen der Büsche gekrochen. Dort war sie dann an einer der beiden Verletzungen erlegen.
In der Zwischenzeit war vom
Bestattungsunternehmen Lechmann der Leichnam abgeholt worden und auf dem Weg zur Rechtsmedizin unterwegs.
Horst und Moris waren dabei die letzten Spuren unter dem ersten Baum zu sichern, als ein von der Leine gelassener Hund kläffend angerannt kam. Lüppi, der das sah schrie den Hund und dessen Besitzer an. Was aber den Herrn, der von der Lanterstraße aus in den Park kam, nicht besonders interessierte und den Hund schon gar nicht. Lüppi wollte nicht lange fackeln und zog seine Dienstwaffe aus dem Holster.

„Papa, nicht schießen!“, rief Petra ihm zu.
Der Hundebesitzer sah wie Lüppi seine Waffe in der Hand hielt und auf dessen Hund richtete. Er fing an nach seinem Hund zu rufen, was ‚Bello‘ aber noch immer nicht interessierte. Lüppi richtete die Waffe schräg vor ihm auf den Boden und drückte ab. Der Schuss ging etwas über einen Meter vor dem Hund in die Wiese. Dies schien ‚Bello‘ sofort mehr zu beindrucken, da er stoppte und fast winselnd zu seinem Herrchen zurücklief.
‚Herrchen‘ meinte daraufhin sich lautstark über die unangemessene Maßnahme beschweren zu müssen. Was einer der beiden Streifenbeamte dann sofort unterband.

„Wir haben Sie doch schon dreimal verwarnt. Sie dürfen Ihren Hund in dem Park nicht von der Leine lassen“, sagte der Beamte.

„Ach, was soll denn der Quatsch! Ihr mit euren bescheuerten Verboten!“, regte sich ‚Herrchen‘ weiterhin auf.

„Da Sie ja anscheinend drei mündliche Verwarnungen nicht zu interessieren scheinen, erhalten Sie hiermit jetzt ein Bußgeld.“

„Weshalb bekomme ich ein Bußgeld?“, fragte ‚Herrchen‘ nach.

„Weil Sie erneut ihren Hund nicht angeleint haben und Ihr Hund eine Polizeiliche Ermittlung gestört hat.“

„Was für eine Ermittlung denn? Ihr sucht doch nur nach scheiß Begründungen für eure scheiß Bußgelder!“

„Hier im Park ist eine Frau ermordet worden und Ihr Hund hätte fast die ermittelnden Beamten angefallen!“, teilte aufgebracht der Streifenbeamte mit.
„Ihre Personalien bitte, aber sofort!“
Lüppi gesellte sich dazu, noch immer die Schusswaffe in der Hand. ‚Herrchen‘ blieb ab da aber ganz ruhig, es kamen auch keine wilden Beschimpfungen mehr von ihm.
Nach dem Feststellen seiner Personalien wollte er wissen wie teuer es denn würde.

„Das entscheide ich nicht. Sie erhalten in der nächsten Zeit einen Bußgeldbescheid. Was ich Ihnen aber schon sagen kann ist, wiederholt die Leinenpflicht missachtet macht zwischen 150 bis 3000 DM. Kommt Belästigung von Beamten im Einsatz hinzu, macht 70 bis 200 DM und nicht zu vergessen, Lärm durch bellen kostet auch noch mal 100 bis 5000 DM“, informierte der Streifenbeamte, was ‚Herrchen‘ ziemlich schockte.
Nachdem ‚Herrchen‘ und ‚Bello‘ den Park wieder verlassen hatten, wollten sich auch Lüppi und Petra etwas später verabschieden. Was sie auch taten…, eigentlich.
Um zum Auto zu kommen, gingen beide über die Wiese zu ihrem Auto. Lüppi´s Mercedes stand am rechten Straßenrand in der Straße ‚Am Krausen Bäumchen‘. Vor ihm parkte der besagte Mercedes 190 und dahinter der Streifenwagen der Kollegen.

„Der 190er steht entgegen der Fahrtrichtung“, machte Petra die Feststellung.

„Und das noch nicht einmal vernünftig, sondern irgendwie nur wie mal schnell abgestellt, als wenn man es eilig gehabt hätte…“, sagte Lüppi und bemerkte im gleichen Augenblick, was er da gesagt hatte.

„Die Verstorbene hatte doch einen Mercedesschlüssel dabei!“, fiel Petra ein und ging zu dem weinroten 190er.
Dort stellte sie fest, der Wagen war unverschlossen. Lüppi kam zu ihr, während sie die Fahrertür mit ihrem Jackenärmel vorsichtig öffnete. Das Innere wies nichts Besonderes auf. Auf dem Boden hinter dem Fahrersitz lagen zusammen geknuddelte Plastiktüten von verschiedenen Supermarktketten. Der Aschenbecher quoll über von Klümpchen-Papier.

„Ich geh mal eben zu den beiden den Autoschlüssel holen“, sagte Lüppi und ging zu dem beschriebenen Baum zurück.
Da Horst und Moris fertig geworden waren, kamen die beiden direkt mit zu dem 190er.
Resultat war, der Autoschlüssel passte. Petra machte eine Fahrzeughalterabfrage. Diese ergab, der Wagen war auf eine
Barbara Neuhäuser, 46 Jahre, in der Weichselstraße in Essen Bergerhausen zugelassen. Horst stellte fest, der Benzintank des 190er war leer.

„Somit steht nun der Ablauf fest“, fing Lüppi an.
„Frau Neuhäuser ist wahrscheinlich vor irgendjemandem geflüchtet. Kam dann bis hierher. Hat den Wagen verlassen, nachdem der Tank leer war und ist in den Park geflüchtet.“

„Der Täter ist hinter ihr her und hat ihr den ersten Stich unter dem ersten Baum zugefügt“, sagt Petra.

„Anhand ihrer Striemen im Gesicht ist sie durch die Büsche geflohen und wurde ein ganzes Stück weiter unter dem anderen Baum gestellt“, sagte Horst.

„Genau und von dort dann auch wieder los und ist unter die Büsche geflüchtet“, sagte Petra.

„Wo sie dann verstorben ist“, ergänzte Horst.

„Stellt sich nun die Frage, wieso ist der Täter nicht auch da hinter ihr her?“, fragte Moris.

„Eine gute Frage, Herr Kollege“, beurteilte Lüppi.

„Möglicherweise wurde der Täter durch sich nähernde Passanten davon abgehalten“, konnte sich Petra vorstellen.

„Wie auch immer, wir sollten dann mal zu ihr Nachhause fahren“, sagte Lüppi.
Dies wurde den Streifenbeamten mitgeteilt. Zwei davon wurden für die Aufsuchung der Meldeadresse der Ermordeten abgestellt.
Moris schloss den Wagen ab und alle vier machten sich mit ihren zwei Wagen und zwei Streifenkollegen mit deren Streifenwagen auf den Weg zur Weichselstraße. Da die beiden Streifenkollegen wussten wo sich diese Straße befand, fuhren sie vor. Lüppi und Petra fiel dabei auf, sie mussten nur die Straße ‚Am Krausen Bäumchen‘ hochfahren, die Bundesstraße 227, die sogenannte Ruhrallee, überqueren. An der zweiten Straße links in die Weserstraße einbiegen und die nächste rechts war auch schon die Weichselstraße. Barbara Neuhäuser wohnte in einem Zweifamilienhaus, im ersten Stockwerk.

 

Freitag, 14.25 Uhr
Essen Bergerhausen

Lüppi und Petra warteten mit den zwei Streifenbeamten vor der Wohnungstür darauf, dass auch sie die Wohnung betreten durften. Schuhüberzieher und Handschuhe trugen sie bereits. Zwei Schlüssel von Frau Neuhäuser, der am Schlüsselbund gefundenen, passten zur Haus- und Wohnungstür.

„Dürfen wir zwei euch mal was fragen?“, erkundigte sich einer der beiden Streifenkollegen, während sie warteten.

„Na, klar doch“, antwortete Petra ihm.

„Stimmt es wirklich, dass ihr Vater und Tochter seid?“

„Ja, stimmt“, bestätigte sie.

„Und wieso wusstest du nichts von deiner Tochter?“, fragte der andere Kollege in Lüppi´s Richtung nach.

„Ganz einfach, weil die Mutter von Petra mir nie etwas von ihrer Schwangerschaft gesagt hat und sie und ich uns ab da nicht mehr getroffen haben“, erklärte Lüppi.

„Ihr könnt jetzt reinkommen“, informierte Moris von drinnen.
Was alle vier auch taten. Einer der Streifenkollegen blieb an der offenen Wohnungstür in der Diele der Wohnung stehen. Von dem Eingang aus war zur linken Seite das Badezimmer, dessen Tür aufstand. Dort hatte Moris mit der Spurensicherung begonnen. Auf der rechten Seite des Gangs war die Tür geschlossen. Nach dem Öffnen sahen sie, es war das Schlafzimmer. Ein Bett von einer Breite von geschätzt 1,40 m stand auf der rechten Seite. An der linken Wand befand sich ein Kleiderschrank, 2,50 m breit. Petra fing an sich dort umzuschauen. Lüppi ging geradeaus in den Küchen- und Wohnzimmerbereich.
Für Sie zur Orientierung, geradeaus war eine Wand zum Nachbarhaus. Fenster gab es zur linken und rechten Seite des Raums. Also mit Blick in den Garten und nach vorne zur Straße. Auf der linken Seite, 1,50 m zurückliegend in Richtung Badezimmer, war eine Küchenzeile in einer Art Nische. Vor dem linken Fenster stand ein runder Tisch mit vier Stühlen. An der gegenüberliegenden Wand zum
Zimmereingang befand sich ein Sekretär im amerikanischen Stil. Die Klappe, die auch als Schreibunterlage diente, war aufgeklappt. Viele Papiere lagen dort auf einem rechten Stapel und zwar so viele, dass die Klappe auch gar nicht hätte geschlossen werden können. Lüppi setzte sich auf den davor stehenden Holzstuhl mit Sitzkissen und schaute die dort liegenden Papiere durch. Horst war in der Küchenzeile zugange, während sich der zweite Streifenkollege auf der rechten Seite des Raumes die Sitzgruppe und den Wohnzimmerschrank näher ansah. Schnell stellten sie fest, Barbara Neuhäuser wohnte ganz offensichtlich alleine dort.

 

Freitag, 15.00 Uhr
Polizeipräsidium Essen

Gördi und die anderen fünf hatten inzwischen alle Fallakten der 19 Todesopfer, die an zu hochdosierten MDMA gestorben waren, fertig und alle Akten lagen auf dem Schreibtisch von Lüppi. Als Heike die letzte Akte dort hinlegte, meinte sie zu den anderen.

„Findet ihr nicht auch, Petra und Lüppi sind schon etwas lang weg, oder?“

„Wenn ich so auf die Uhr schau…, ja, stimmt“, bestätigte Meik.

„Ich frag mal nach“, teilte Björn mit und rief bei dem wachhabenden Streifenkollegen unten in der Wache an.
Ihn fragte er, ob er wisse, wo die zwei seien und ob alles in Ordnung wäre. Die Antwort war.

„Ja, ich weiß, die sind in Huttrop im Siepental. Ich meine mitbekommen zu haben, die Frauenleiche wäre auch schon zur Rechtsmedizin gebracht worden. Wo die zwei jetzt stecken kann ich nicht sagen, aber ich höre nach, einen Augenblick bitte“, sagte der Wachhabende und Björn hörte wie er den Hörer beiseitelegte und alle Streifenkollegen im Stadtgebiet anfunkte.
Dort fragte er nach, ob jemand wüsste, wo Kommissar Lüppi und die Kommissarin Petra stecken würden.
Es dauerte nicht lange, so meldete sich der Streifenbeamte aus der Diele in der Wohnung von Frau Neuhäuser.

„Lüppi und Petra sind mit Horst und Moris in der Weichselstraße in Bergerhausen. Wir befinden uns in der Wohnung des Opfers!“

„Danke, alles klar, gebe ich so weiter“, hörte Björn ihn sagen.

„Kannst du sagen, wie lange das wohl noch dauern wird?“, fragte er weiter.

„Nein, keine Ahnung, wird aber bestimmt noch dauern.“
Der Wachhabende bedankte sich und als er den Hörer wieder in der Hand hatte, sagte Björn zu ihm.

„Ich hab schon alles mitbekommen! Danke, Kollege.“
Der Wachhabende versprach sich zu melden, wenn er etwas hören würde.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Jasmin.

„Wir könnten uns mal mit Egon Nickel weiter beschäftigen, denn die Unterlagen von der Polizeiinspektion Herrsching am Ammersee, die Petra versprochen worden sind, sind bis jetzt noch nicht hier angekommen“, schlug Heike vor.

„Kommen bestimmt noch, so schnell sind die in Bayern nicht“, war Gördi der Meinung.

„Und die neuen Fälle der Umweltdelikte liegen auch noch hier herum“, warf Meik ein.

„Na, dann los“, sagte Gördi und teilte wie folgt auf.
„Ihr vier die Umweltdelikte und wir zwei den Nickel.“
Kaum hatten sie angefangen, erschien Mario ein weiteres Mal. Auch er wunderte sich, dass seine Frau und Lüppi noch nicht wieder da waren.

„Was haste denn schönes, Mario?“, fragte Gördi ihn.

„Das Urteil von Herrn Lehmann. Das große Schwurgericht hat ihn in beiden Anklagepunkten für schuldig befunden. Das Urteil lautet, lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherheitsverwahrung.“
(Kommissar Lüppi - Band 1)

„Dann kommt er also nie wieder raus“, stellte Gördi fest.

„Das war es für ihn“, bestätigte Mario und fragte.
„Wo sind die zwei denn? Immer noch am Fundort der Leiche?“

 

Freitag, 15.05 Uhr
Italien, Lago Maggiore
Haus oberhalb vom Ort Cannero Rivera

Fast zur gleichen Zeit saßen Bernardo, Maria, Michele und Gianna noch immer zusammen im Wohnzimmer und warteten auf Gianna´s Freundin Melanie Zenatti, der ansässigen Immobilienmaklerin. Nach einem Anruf von ihr, eine Viertelstunde zuvor, wollte sie zu den vieren hochkommen um noch einmal über die besagte Villa bei Belgirate zu sprechen, da sich der Verkäufer der Villa, Signore Valentini aus Mailand, bei Melanie gemeldet hatte und nun wissen wollte, ob die Interessenten denn nun die Villa kaufen würden. Das dieses Interesse in Wirklichkeit nicht von Signore Valentini, dem Inhaber einer der bekanntesten Banken in Mailand in dritter Generation ausging, sondern Santino Martinelli, der Oberleutnant der Carabinieri dahintersteckte, ahnte niemand.

 

Freitag, 15.10 Uhr
Essen Bergerhausen

Lüppi hatte sich alle Papiere angesehen und teilweise auch durchgelesen. Horst war mit Küche und Wohnbereich fertig als eine ältere Frauenstimme im Treppenhaus von unten hoch rief.

„Hallo, Frau Neuhäuser, sind Sie da? Ihre Tür steht ja auf!“
Der Streifenbeamte aus der Diele trat in den Hausflur und fragte nach, wer da wäre. Dabei sah er, die Dame stand auf der unteren Treppe ein paar Stufen hoch, gerade so, dass sie etwas sehen konnte.

„Hier ist die Vermieterin von Frau Neuhäuser“, bekam er zur Antwort und er ging zu der älteren Dame nach unten.
Dort erfuhr er, sie sei Frau Arnold. Auf die Frage wie alt sie wäre antwortete sie.

„Ich bin 82 Jahre alt. Aber sagen Sie mir mal bitte, was machen Sie denn in der Wohnung von Frau Neuhäuser?“
Daraufhin erfuhr Frau Arnold vom Tod ihrer Mieterin. Während der Streifenkollege die ältere Dame bat in ihrer Wohnung zu warten, da die Kommissare bestimmt noch ein paar Fragen an sie hätten, kam Petra aus dem Schlafzimmer in den Wohnbereich.

„Ich bin fertig mit dem Schlafzimmer“, verkündete sie.

„Das ist schön, du kannst bei uns in der KTU anfangen“, meinte Horst.

„Ach, nee, lass mal“, sagte sie und schaute Lüppi über dessen Schulter.

„Ich kann euch sagen was Barbara Neuhäuser von Beruf war“, sagte Lüppi.

„Und?“, fragte Petra.

„Eine Podologin!“, antwortete er.

„Eine Fußpflege?“, fragte Horst überrascht nach.

„Danke, dann weiß ich das jetzt auch. Eine Podologin ist also eine Fußpflegerin, soso“, kam es von Petra.

„Sie war selbstständig und besuchte ihre Kundschaft bei denen Zuhause. Soll heißen, sie fuhr den halben Tag durch die Gegend immer zum nächsten Termin.“

„Hatte sie so viel zu tun, dass sie jeden Tag immer Termin hatte?“, wollte Petra wissen.

„Nicht immer durchgängig. Zeitweise auch mit kleinen oder größeren Lücken, sprich Pausen. Für mich sieht es so aus, als wenn sie gerade so davon leben konnte. Viel blieb da am Ende des Monats nicht übrig, um genau zu sein…,
gar nichts“, fasste Lüppi zusammen.

„Woran hast du denn das erkannt?“

„An ihren Bankauszügen, die da auf dem Sekretär liegen. Ende letzten Monats war das Giro-Konto mit 4.678 DM überzogen und das bei einem Dispo von 5.000 DM. Ein Mahnschreiben vom Finanzamt hatte sie auch seit Mitte Oktober da liegen. Also, alles in allem sah es finanziell nicht gut aus“, fasste Lüppi zusammen.

„Das wird aber nicht der Mord-Hintergrund gewesen sein“, sagte Moris.

„Woher weiß du das denn?“, fragte Petra und erwiderte sogleich. „Sie könnte doch umfangreiche Schulden gehabt haben, möglicherweise sogar bei Kredit-Haien.“

„Wo Petra Recht hat, hat sie Recht“, kam es von Horst.

„Werden wir herausfinden, gehe ich zumindest von aus“, meinte Lüppi und wollte von den dreien wissen.
„Und, was habt ihr Schönes gefunden?“

„Im Schlafzimmer ist nichts außer dem, was man in einem Schlafzimmer erwartet zu finden. Ihre Kleidung ist von guter Qualität, aber nichts neues dabei, alles älter“, fasste Petra zusammen.

„Im Badezimmer habe ich im Spiegelschrank ein paar Medikamente gefunden, aber nur das übliche. Etwas gegen Durchfall, ein paar Schmerztabletten und eine Packung Pillen gegen Schwangerschaft. Sonst war da nichts ungewöhnliches oder erwähnenswertes“, teilte Moris mit.

„In den Küchenschränken befindet sich nicht viel Essbares und wenn dann Fertigsuppen von den einschlägigen
Herstellern und in dem kleinen Gefrierschrank zwei Fertig-Sonntagsmenüs. Keine Scheibe Brot, kein Aufschnitt, einfach nichts für ein Frühstück, außer Müsli. Das ist zwar auch schon etwas, aber ohne ein Schluck Milch nützt auch das nichts. Die Küchenzeile sieht nur gut aus, gekocht wurde dort aber nicht. Der Wohnzimmerschrank weißt einiges an Süßigkeiten auf und vier Tüten Paprika-Chips. Das war es“, kam es von Horst.

„Gut, ihr zwei schaut euch noch ein bisschen um?“, fragte Lüppi die zwei Kollegen.

„Ja, machen wir, vielleicht finden wir ja doch noch etwas“, antwortete Horst.

„Hast du unten im Sekretär auch nachgeschaut?“, wollte Moris wissen.

„Nein, nur den Papierstapel rechts oben drauf“, teilte Lüppi mit.

„Dann sehen wir uns noch den Rest an. Mal schauen was sich dort noch in den Schubladen befindet“, sagte Moris.

„Prima, macht das und wir zwei…“, sagte Lüppi zu Petra.
„Wir gehen dann mal zu der Vermieterin nach unten. Mal hören was sie uns so erzählen kann.“
Die zwei verließen die Wohnung und gingen.
Unten vor der Wohnungstür dauerte es, bis die ältere Dame die Tür öffnete und die zwei herein bat.

 

Freitag, 15.25 Uhr
Polizeipräsidium Essen

Das Telefon von Gördi schellte. Er ging dran und erfuhr von dem wachhabenden Streifenbeamten aus der Wache von unten.

„Es hat eine Messerstecherei im Parkhaus ‚Am Limbecker Platz‘ gegeben. Einer der Kontrahenten hat im Anschluss danach offensichtlich den anderen mit dem PKW über den Haufen gefahren. Bei der Parkhaus-Ausfahrt ist der Fahrer dann hingegangen und hat die unbeteiligte Frau vor ihm mit ihrem Wagen nach draußen geschoben als die Schranke auf ging und ist dann mit nach draußen gefahren und ist spurlos verschwunden.“

„Ach, du dickes Ei“, entfuhr es Gördi und wollte wissen.
„Wie geht es dem Kontrahenten und der Frau?“

„Der Notarzt ist verständigt oder bereits vor Ort. Die Frau steht unter Schock und ihr Kleinwagen ist wohl nicht mehr fahrbereit. Die Frau wartet auf euch im Büro des Parkhauswärters“, war die Antwort.

„Okay, wir kommen“, sagte Gördi und ihm fiel ein.
„Ist die KTU verständigt?“

„Noch nicht, mach ich als nächstes“, sagte der Kollege.
Gördi bedankte sich und hing ein.

„Wir haben eine Messerstecherei mit einem überfahrenen Beteiligten und eine Frau, die in ihrem Wagen sitzend durch die Ausfahrt geschoben worden ist. Ich fahr hin“, teilte Gördi mit und fragte.
„Wer kommt mit?“, und schaute zu seiner Heike.

„Nimm einen von den vieren. Ich bleib hier und fahr heute Abend mit auf den Einsatz in den ‚Techno Palast‘, würde ich sagen“, schlug Heike vor.
Jasmin und Silke sahen sich an, genauso wie Meik und Björn.

„In Ordnung, würde Lüppi jetzt sagen“, war von Gördi zu hören und schaute zu den vieren herüber.

„Wenn du möchtest, dann komme ich mit“, sagte Jasmin als erste.

„Ich wollte mich auch anbieten“, kam es von Björn.

„Ich könnte auch“, sagte Meik.

„Ich nehme Jasmin, sie war die Schnellste. Ihr drei könnt euch dann bis nachher um die neun Umweltdelikte kümmern“, entschied Gördi, stand auf und schnappte sich seine Jacke.
Jasmin reagierte entsprechend und ging mit.

 

Freitag, 15.35 Uhr
Essen Bergerhausen

Die drei saßen im Wohnzimmer von Frau Arnold, als es an der Wohnungstür von ihr schellte.

„Ja, wer ist das denn jetzt?“, fragte die ältere Dame.

„Soll ich mal gehen und schauen“, schlug Petra vor.

„Ach, Mensch, das wäre ja ganz lieb von Ihnen“, sagte Frau Arnold und Petra ging zur Wohnungstür.
Dort standen Horst und Moris und teilten mit.

„Wir sind oben soweit fertig, nehmen die Unterlagen vom Sekretär mit und sind jetzt auf dem Weg zum nächsten Einsatz, zum Parkhaus am Limbecker Platz.“

„Was ist denn dort?“, fragte sie nach.

„Eine Messerstecherei mit anschließend überfahren und einer Art Karambolage“, antwortete Horst.

„Wie bitte…?“

„Wir sehen uns. Die beiden Streifenkollegen warten noch auf euch.“
Petra bedankte sich für die Information und schloss die Tür wieder. Im Wohnzimmer zurück hörte sie wie Lüppi fragte.

„Wie lange wohnte Frau Neuhäuser jetzt hier bei Ihnen im  Haus?“

„Seit 8 Jahren.“
Petra setzte sich dazu und sagte zu den beiden.

„Das waren die Kollegen von der Spurensicherung, die sind jetzt fertig und fahren zum nächsten Einsatzort.“
Lüppi nickte und Frau Arnold nahm es zur Kenntnis.

„Wann hat das angefangen, daß Frau Neuhäuser nicht immer die Miete zahlen konnte?“, fragte Lüppi weiter.

„Mmh…, da muss ich überlegen. So… vor 3 Jahren war es das erste Mal. Dann hat sie nach drei Monaten die zwei fehlenden Monatsmieten nachgezahlt und dann ging es wieder einige Monate, so etwas über ein halbes Jahr, gut.“

„Hatten Sie Verständnis für ihre Lage oder hat sie das sehr gestört?“, fragte Lüppi als nächstes.

„Ich hatte damit kein Problem, im Grunde genommen war ich ja froh, dass ich eine vernünftige Person hier im Haus hatte und nicht alleine war.“

„Wie häufig haben Sie Frau Neuhäuser so zu Gesicht bekommen?“

„Mehrfach die Woche, fast täglich. Sie hat mich mit zum Einkaufen genommen und ich habe für uns beide gekocht. Das war meistens der Fall, außer Freitag´s.“

„Was ist oder war Freitag´s?“

„Jeden Freitag habe ich meinen Skat-Abend mit meinen Freundinnen aus der Schulzeit. Da musste Frau Neuhäuser sich selbst was kochen.“

„Sie haben sich aber auch nach den ganzen Jahren und den sechsmal wöchentlichen Abendessen noch immer gesiezt?“

„Ja, darauf habe ich bestanden. Ich wollte weiterhin eine gewisse Distanz haben, aus gutem Grund. Man sagt schneller du Arschloch, als Sie Arschloch.“

„Stimmt, da gebe ich Ihnen Recht.“

„Das ist aber trotzdem sehr freundlich von Ihnen gewesen, sie so häufig zum Abendessen einzuladen“, fand Petra.

„Ja und nein. Es hatte ja auch den Vorteil, ich musste nicht immer alleine essen und so fuhr sie mich zum Einkaufen und schleppte mir auch noch die Taschen. Das hatte für uns beide Vorteile, für sie und mich. Hinzukam noch, ich konnte so immer mal wieder im Auto von meinem Gustav mitfahren.“

„Gustav ist ihr Ehemann, darf ich annehmen?“, fragte Lüppi.

„Ja, war! Er ist vor vier Jahren gestorben. Wir waren gleich alt und sind seit der Schule zusammen gewesen.“

„Dann ist der weinrote Mercedes 190 von Ihrem Mann?“, fragte Petra.

„Ja, ganz genau. Wo ist der denn eigentlich jetzt, also ich meine der Mercedes von meinem Gustav?“

„Der steht im Siepental“, antwortete Lüppi und ihm fiel etwas ein.
„Petra, gehe bitte einmal die Kollegen fragen, ob der 190er schon zur KTU transportiert wurde?“
Petra nickte und ging.

„Bekomme ich den Wagen zurück?“, fragte Frau Arnold.

„Gehört der Wagen denn noch Ihnen?“, stellte Lüppi die Gegenfrage.

„Ja, der gehört mir, da Frau Neuhäuser ihn mir ja nicht abgekauft hat. Ich habe auch noch den Fahrzeugbrief im Tresor liegen, wie früher als mein Gustav noch lebte.“

„Der Wagen ist aber auf Barbara Neuhäuser zugelassen“, bemerkte Lüppi.

„Das musste er doch. Ich habe ja keinen Führerschein und nach dem Tod von meinem Gustav hat mein Sohn den Wagen nach ein paar Monaten abgemeldet. Was sollte der denn angemeldet in der Garage stehen und nicht bewegt werden.“

„Zum Anmelden eines PKW´s braucht man keinen Führerschein. Sie hätten den also auch auf Ihren Namen anmelden können“, informierte Lüppi.

„Das wusste ich nicht“, gestand sie und Lüppi fragte direkt.

„Warum hat Frau Neuhäuser denn überhaupt den Wagen von Ihrem Gustav benutzt?“

„Ja, weil ihr kleiner Ford doch vor der Haustür einfach abgeholt worden ist. Sie hatte von dem einem auf den anderen Tag kein Auto mehr. Aber sie brauchte doch ein Auto, um zu ihren Kunden zu kommen und da habe ich ihr den Wagen von Gustav angeboten.“

„Was bitte heißt denn einfach abgeholt worden?“

„Die Bank hat ihr da sehr übel mitgespielt. Die hat einfach keine Raten mehr an die Bank von dem Autohaus überwiesen. Das ging natürlich nicht und so hat das Autohaus den Wagen vor der Haustür abgeholt.“

„Das die Bank von Frau Neuhäuser sie hat einfach hängen gelassen hat, wird aber seinen Grund gehabt haben“, stand für Lüppi fest.

„Natürlich hatte das einen Grund. Sie war völlig blank, das Konto völlig überzogen, da ging nichts mehr. Ich habe ihr ja noch im Januar diesen Jahres 1.000 DM zukommen lassen“, sagte Frau Arnold.

„Sie haben Ihr 1.000 DM geliehen oder geschenkt?“

„Geschenkt, damit sie wieder etwas Luft hatte. Eigentlich sollte das mein Sohn, meine Schwiegertochter und meine Enkelin letztes Jahr zu Weihnachten bekommen. Die hielten es aber nicht für nötig auf Weihnachten mich zu besuchen und so hat im Januar Frau Neuhäuser halt das Geld bekommen. Sie wissen doch, Herr Kommissar, wer es nicht für nötig hält mal seine Mutter und seine Oma zu besuchen, der hat dann halt das Nachsehen, so einfach ist das.“
Petra kam währenddessen zurück.

„Ist nur mehr als konsequent, finde ich“, sagte Lüppi und schaute fragend zu Petra.

„Nein, bis jetzt nicht. Sie kümmern sich drum“, antwortete sie.

„Darf ich fragen, warum muss denn Gustav´s Wagen zu Ihrer KTU? KTU heißt doch Kriminal-Technische-Untersuchungsstelle, nicht wahr? Habe ich nämlich bei den Krimis im Fernsehen schon öfters gehört“, sagte Frau Arnold.

„Weil eventuell Spuren am Auto von Ihrem Gustav zu sichern sind, die zur Lösung des Mordfalls beitragen können“, antwortete Lüppi.

„Wieso Mordfall? Davon haben Sie vorhin gar nicht gesprochen. Sie haben nur gesagt, sie wäre tot.“

„Das stimmt, wir haben gesagt sie wäre verstorben. Sie ist aber nicht eines natürlichen Todes verstorben.“

„Ich weiß, das war ihr Herz. Sie hatte ja eine starke Herzschwäche. Wahrscheinlich hat ihr Herzschrittmacher versagt“, konnte sie sich vorstellen.

„Nein, sie ist erstochen worden“, sagte Petra.

„Erstochen…? Im Park…? Ja…, warum das denn…?“, fragte eine nun ganz fassungslose Frau.

„Das müssen wir herausfinden“, sagte Lüppi und fragte.
„Hat sie noch Verwandte? Eltern, Geschwister oder so?“

„Nein, ihre Eltern sind bereits verstorben, genauso wie ihr Ehemann. Geschwister hat sie keine gehabt.“

„Oh…! Hatte Frau Neuhäuser einen Freund?“

„Ja, aber ich bin mir nicht sicher, ob die zwei noch zusammen waren. Er war schon eine ganze Weile nicht mehr hier bei ihr“, antwortete sie.

„Wie er heißt, wissen Sie nicht zufällig?“, fragte Petra.

„Ja, das weiß ich“, antwortete sie, stand auf und ging zum Wohnzimmerschrank. Während sie dort eine Schublade aufzog, sagte sie.
„Den Namen habe ich mir aufgeschrieben. Sie müssen wissen, in meinen Alter behält man nicht mehr so gut.“
Sie holte einen Block heraus und kam zum Couchtisch zurück. Nach kurzem blättern hatte sie ihn.

„Ah, das ist er ja, der Name. Peter Maier, heißt der Freund von ihr.“

„Wo er herkommt, wissen Sie nicht auch zufällig?“

„Er soll hier in Essen wohnen. Sein Firmenwagen hat aber ein Kennzeichen aus Düsseldorf“, wusste sie.

„Wissen Sie was er von Beruf ist?“

„Er soll im Außendienst tätig sein. Die Firma weiß ich aber nicht. Das habe ich übrigens vorletzte Woche Frau Neuhäuser auch noch gefragt, weil sie mir sagte, sie wüsste nicht bei welcher Firma er tätig ist. Der Herr Maier macht da wohl ein Geheimnis draus. Da haben wir uns noch Gedanken zu gemacht, was das wohl für ein Grund haben kann.“

„Können Sie den Herr Maier beschreiben?“

„Ja…, so groß wie Sie, Herr Kommissar. Ungefähr Mitte vierzig. Braune kurze Haare und hat eine gute Aussprache.“
Lüppi und Petra schauten sich an. Sie sah an seinen Blicken, er hatte keine Frage mehr.

„Wenn Ihnen sonst noch etwas einfällt, ich gebe Ihnen mal meine Karte“, sagte Petra und hielt Frau Arnold die Visitenkarte hin.
Sie nahm sie und bedankte sich dafür. Beide standen auf und waren im Begriff gehen zu wollen, als Frau Arnold noch eine Bemerkung machte.

„Da wird sich Anabela, meine Enkelin, ja freuen, dass die Wohnung von Frau Neuhäuser frei wird.“

„Wieso?“, fragte Lüppi und ahnte schon etwas.

„Sie will schon seit einem halben Jahr hier oben einziehen. Sie studiert hier in Essen. Das ist für sie einfacher als jeden Tag von Wuppertal hierher zu kommen“, erklärte Frau Arnold.

„Dann muss Ihre Enkelin aber noch warten bis wir den Fall abgeschlossen haben oder die Wohnung von Frau Neuhäuser freigeben können. Das wird noch ein paar Tage dauern“, kam der Hinweis von Lüppi.
Frau Arnold nickte verständnisvoll. Petra bedankte sich, Lüppi sagte nichts weiter und beide gingen.
Draußen erkundigte sich einer der beiden Streifenkollegen, ob Lüppi und Petra noch einmal in die Wohnung der Toten wollten. Da dies nicht der Fall war, versiegelte der Kollege die Wohnungstür und übergab Petra den Schlüsselbund mit den vier Schlüsseln.

 

Freitag, 15.50 Uhr
Essen Innenstadt, Parkhaus am Limbecker Platz

Gördi und Jasmin waren seit ein paar Minuten, vor den Kollegen der KTU, angekommen. Die Autofahrerin saß noch immer Knieschlotternd im Büro des Parkhauswärters. Ihr Kleinwagen war am Rand der dortigen Tankstelle abgestellt. Selbst Jasmin sah sofort, der Wagen würde nie wieder am Straßenverkehr teilnehmen können. Ein paar Meter weiter stand der Streifenwagen der drei Kollegen. Einer der drei hatte im Büro des Wärters auf die Kollegen der KK11 gewartet. Von ihm erfuhren die beiden.

„Der Notarzt kommt später, der ist auf dem Weg hierher zu einem schweren Verkehrsunfall gerufen worden. Das dauert also noch.“

„Wo ist denn der überfahrene Kontrahent der Messerstecherei?“, wollte Gördi wissen.

„Auf Parkebene drei“, antwortete der Wärter.

„Ich führ euch hin“, bot der Streifenkollege an.

„Das wäre prima“, sagte Gördi und wollte von dem Parkhauswärter wissen.
„Gibt es Überwachungsaufnahmen von dem Täter?“

„Ja, kann ich Ihnen gleich geben, sobald ich den Rückruf von der Zentrale erhalten habe, ob ich das Videoband herausgeben darf“, war die Antwort von ihm.

„Okay, dann bis gleich“, sagte Gördi und die beiden folgten dem Streifenkollegen.
Im Treppenhaus liefen die drei hoch. Die zwei Kollegen hatten mit Flatterband die Zufahrt zur dritte Ebene abgesperrt. Sieben Fahrzeuge standen auf der Ebene verteilt.
Der überfahrene Mann, auf den zuvor auch noch einmal eingestochen worden war, lag vor einer Parkbucht von sechs Stellplätzen. Auf dem Betonboden war viel Blut zu sehen. Wo genau der Mann überfahren worden war, ließ sich von den fünfen nicht genau feststellen. Gördi erwies sich vor Ort als sehr tapfer und schaute sich sogar den Leichnam des Mannes von nahem an. Das ihn dabei ein leicht flaues Gefühl überkam, sagte und zeigte er niemandem. Stattdessen versuchte er kurze Zeit später die Stelle zu finden, wo wahrscheinlich die Auseinandersetzung angefangen hatte.
Dafür ging er die gesamte Fläche ab und fand tatsächlich in einer etwas dunkleren Ecke verstreutes weißes Pulver. Ein paar Meter weiter sah er auch noch einen kleinen aufgerissenen Polybeutel, der zuvor mal von allen vier Seiten zugeschweißt gewesen war. Jasmin sah das Gördi sich bückte, um in der beginnenden Dämmerung noch etwas besser sehen zu können. Sie ging zu ihm, gefolgt von einem Streifenkollegen.

„Ich weiß zwar nicht was hier auf dem Boden liegt, aber Backpulver wird es wohl nicht sein“, sagte er zu den beiden herannahenden.
Es dauerte noch weitere 12 Minuten bis Horst und Moris mit ihrem Wagen angefahren kamen und ihn vor der Absperrung abstellten.
Wie sich später durch einen Schnelltest zeigte, war das weiße Pulver Kokain in Reinform, also nicht gestrecktes wie das vom Hof Werner Hempkeman.
(Kommissar Lüppi - Band 11)

Während Horst und Moris mit Spurensicherung und fotografieren beschäftigt waren, hatte Jasmin ein paar Fragen an ihren älteren Kollegen mit der sie ihn überraschte.

„Kennst du den Toten?“

„Nein, noch nie gesehen“, antwortete Gördi ihr.

„Wie häufig kommt es vor, dass aller Wahrscheinlichkeit nach zwei Dealer in Streit geraten und sich gegenseitig umbringen wollen?“

„Eigentlich selten. Klar ist, dass der eine oder andere Konsument an einer Überdosis stirbt, sowie jetzt die 19 Fälle mit dem zu hochdosierten MDMA, das kommt immer wieder vor. Mal mehr und mal weniger, aber bis jetzt nicht in der Form wie zuletzt bei Bauer Hempkeman und Liam de Jong.“

„Können oder müssen wir nicht sogar davon ausgehen, dass es nach der Verknappung nach Bauer Hempkeman und der Aktion heute Abend es in nächster Zeit zu mehr solcher Vorfälle kommt, wie möglichweise der hier?“

„Du meinst, weil weniger Drogen im Umlauf sind, wird die Gangart unter den Dealern eine deutlich härtere?“, fragte Gördi nach und wunderte sich über die junge Kollegin und die Gedanken, die sie sich machte.

„Ja, ganz genau. Denn wenn das so zu erwarten ist, dann müssten wir uns doch vorher schon mal überlegen was wir, die Polizei dagegen unternehmen können, damit das zu Erwartende nicht passiert, oder wie siehst du das?“, fragte Jasmin.

„Du hast völlig Recht mit deinen Überlegungen. Das sollten wir…, am Montag bei der Übergabe der 19 Fälle an die GER ansprechen“, sagte Gördi, schaute die junge Kollegin an und lobte sie anschließend noch.

„Ich bin beeindruckt von deinen Gedanken, die du dir machst. Toll, ganz toll!“
Jasmin freute sich sichtlich über das was Gördi zu ihr gesagt hatte.
Auch als später die beiden, Horst und Moris, fertig mit ihrem Spuren sichern waren, konnte leider nicht festgestellt werden wer der Mann war, ob er ein Kunde oder ein Dealer gewesen war. Selbst die Möglichkeit, dass er ein unbeteiligter Passant gewesen war, konnte nicht ausgeschlossen werden. Des Weiteren die Frage, wie er dorthin gekommen war, konnte nicht beantwortet werden. Welches Auto von ihm benutzt worden war oder ob er überhaupt ein Fahrzeug dort stehen hatte, blieb erst einmal unbeantwortet.

Gördi und Jasmin gingen daraufhin zu dem Büro des Parkhauswärters zurück. Wo sie erfuhren, der Notarzt war kurz dagewesen, musste aber schnell wieder weg, zum nächsten Einsatz. Im Beisein des Ehemannes der Frau wechselten Gördi und Jasmin noch ein paar Worte mit beiden. Laut der Parkhaus-Zentrale durfte der Wärter das entsprechende Videoband herausgegeben, was Moris an sich nahm. Die zwei verabschiedeten sich von der Frau des nicht mehr fahrbereiten Kleinwagens, gaben ihr eine Karte von Gördi mit und fuhren daraufhin zum Präsidium zurück.
Als sie dort ankamen, waren Petra und Lüppi auch wieder zurück. Alle acht setzten sich zusammen und die vier berichteten in ein paar kurzen Sätzen von den beiden Einsätzen.

 

Freitag, 18.45 Uhr
Polizeipräsidium Essen

Lüppi hatte Torti von Zuhause abgeholt. Sie  hatte ihm erzählt, sie hätten eine Kündigung von einer Wohnung im Nachbarhaus erhalten. Sie wusste aber nicht welche Wohnung es war. Im Präsidium hatte man währenddessen eine Groß-Bestellung bei einer Pizzeria in Auftrag gegeben. Der Pizzabote hatte daraufhin einen Kollegen von sich mitgebracht, der ihm beim tragen half. Neben den acht aus dem Büro, waren Torti, Mario und die zwei Leiter der GER, Ulrich Wackenhut und Tobias Braun, anwesend. Die drei von der BTM hatten sie aus gutem Grund nicht dazu gebeten. Ulrich und Tobias hatten sich zu Anfang etwas über Torti´s Anwesenheit gewundert. Dies hatte aufgehört, nachdem beide von ihren sehr hilfreichen Einfällen erfuhren, wovon sie schon das eine und andere im Präsidium gehört hatten, dies hatten sie aber als dumme Gerüchte und ‚Kappes‘ abgetan und nicht geglaubt.
Eine sehr lockere und ausgelassene Stimmung war im Büro hinter geschlossener Tür festzustellen. Lüppi und Gördi bemerkten, nur Björn war deutlich zurückhaltend und schien nachdenklich zu sein, was so gar nicht zu ihm passte. Da er sonst genau das Gegenteil war.

Gegen 21 Uhr traf man sich an verabredeter Stelle mit den anderen Kollegen der GER, den BTM´lern und mit den Kolleginnen und Kollegen von der Zollfahndung. Sie war von der Personenanzahl die größte Truppe, wenn man die Einsatzhundertschaft der Landespolizei nicht mit berücksichtigte. Ulrich und Tobias hatten somit Personenanzahlmäßig ordentlich aufgefahren.

 

Freitag, 21.30 Uhr
Italien, Lago Maggiore
Haus oberhalb vom Ort Cannero Rivera

Die Brüder kamen erst sehr spät aus Mailand zurück. Bei fast unzähligen Handwerksfirmen waren sie gewesen.
Keiner hatte spontan Zeit für einen Hotelumbau gehabt. Auch der Vorschlag, sie würden höhere Stundensätze bezahlen, hatte nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Natürlich hätten sie anfangen können, die eine oder andere Firma auf nicht legale Art dazu zubringen doch für den Hotelumbau Zeit zu haben, doof war nur, ihre beiden Chef´s hatten eine geänderte Geschäftspraktik für die Zukunft herausgegeben. Nun waren sie leise und unauffällig zurück am Haus und schlichen in ihre Wohnung.

 

Freitag, 23.00 Uhr
Essen Westviertel
Diskothek Techno Palast

Liebe Leserin, lieber Leser,
ich will es kurz machen und den Einsatz nicht so ausführlich schildern wie der Einsatz eine Woche zuvor bei der Diskothek ‚Lila Elefant‘ in Mülheim Monning.
(Kommissar Lüppi - Band 11)

Wieder saß Torti bei Mario in dessen Fiat 131 Supermirafiori. Der Wagen stand schräg auf der gegenüberliegenden Seite zum ‚Techno Palast‘, an der Frohnhauser Straße am Straßenrand und parkte zwischen anderen PKW´s von vermeintlichen Discotheken-Besuchern. Sie konnten sehen wie sich die Einsatzkräfte in eine Art Ring um das alte Industriegebäude aufstellten. Das was die Polizei unter Führung der GER und der Zollfahndung an dem späten Abend an dem Techno Palast machten, schockte fast alle Gäste. Sie riegelten um die Diskothek alles ab. Keine Person konnte ohne Kontrolle mehr das Gelände und das Gebäude verlassen oder betreten. Viele betroffene Personen sprachen noch Tage danach davon, sie wären regelrecht festgesetzt worden. Eine Flucht oder unbemerktes Verschwinden aus dem Gebäude war somit völlig aussichtslos. Wie eine Woche zuvor, so sprach sich auch im ‚Techno Palast‘ bei den Besucherinnen und Besuchern der Einsatz schnell herum. Einige wollten daraufhin die ‚Disse‘ schnellstmöglich verlassen und wurden alle durchsucht.
Einige Besucher hatten für diese Aktion überhaupt kein Verständnis. Körperliche Angriffe auf die Beamten und wüste Beschimpfungen kamen leider mehr vor als zuvor gedacht. Gegen Mitternacht betraten die Zollfahnder in Zivil die Diskothek. Sie mischten sich unter die Besucher und betraten auch die oberste Ebene.
Die dort stehenden Aufpasser der dortigen Dealer leisteten einiges an Widerstand.
Lüppi und die drei, sprich Petra, Heike und Gördi hielten sich bei der Aktion sehr zurück. Ganz anders Silke und Björn. Speziell er ging keiner Auseinandersetzung aus dem Weg. Er half dem einen und dem anderen Kollegen, wenn es brenzlich wurde. Sein jahrelanger Kampfsport zahlte sich dabei aus.
Was aber einem auffiel war…

„Findet du das nicht auch komisch“, sagte Meik zu Jasmin.
„Silke ist die ganze Zeit an Björn´s Seite.“

„Ja, jetzt wo du das so sagts, aber wir zwei sind ja auch die ganze Zeit beieinander“, erwiderte sie.

„Stimmt“, bestätigte er und schaute sie fragend an.

„Was sollen mir deine Blicke sagen?“, erkundigte sie sich bei ihm.

„Ob sich zwischen beiden etwas anbandelt?“

„Ich dachte Björn ist mit Melanie zusammen. Ist sie nicht Krankenschwester?“

„Ja, hat er mir auch erzählt, aber das heißt ja nichts…“

„Die zwei, ich meine Silke und Björn, kennen sich doch schon seit Jahren“, gab Jasmin zu bedenken.

„Die zwei hatten aber bis jetzt nie etwas miteinander zu tun.“

„Ach, du meinst, jetzt wo die zwei zusammen Einsätze haben… und so… da merken beide…“, sagte sie, sprach aber nicht weiter.

„Angefangen hat das zwischen den beiden bei der Durchsuchung bei dem Bauer Hempkeman“, war er sich sicher.
Kurze Zeit später verloren Meik und Jasmin die zwei aus den Augen.
Der Einsatz ging bis fast 2.00 Uhr. Ab diesem Zeitpunkt lohnte sich der Einsatz nicht weiter, da kaum noch
Besucher da waren. Auch an dem Abend gingen so acht Dealer den Einsatzkräften ins besagte Netz.

 

2. Dezember 1995, Samstag, 11.50 Uhr
Essen Frohnhausen

Torti und Lüppi hatten lange geschlafen nach dem sie erst kurz vor halb 4 Uhr ins Bett gekommen waren. Zu dem Zeitpunkt saßen die zwei bei der üblichen ersten Tasse Kaffee zusammen und sprachen über den Einsatz. Resümee von Torti zum Einsatz war.

„Der Einsatz hat mir nicht so gut gefallen. Es war viel weniger los und passiert ist auch nicht so viel. Ich fand das richtig doof, dass ich euch während des Einsatzes nicht einmal sehen konnte“, sagte sie und gähnte.

„Du und Mario, gääähn, hättet rein theoretisch als Besucher in den ‚Techno Palast‘ hineinkommen können“, glaubte Lüppi.

„Haben wir ja versucht. Der Türsteher hat mich aber nicht reingelassen. Du ahnst ja nicht was der Böldmann zu mir gesagt hat…, gähn?“

„Was hat er denn gesagt…?“, wollte Lüppi wissen.

„Ich wäre etwas zu alt und ich hätte das falsche Outfit an. Kannst du dir das vorstellen, das falsche Outfit…! Dabei hatte ich eines meiner Lieblings-Kleider an, wie du ja weißt.“

„Kannst du dich noch daran erinnern was ich zu dir gesagt habe, als ich dich gestern Abend abgeholt habe?“, erkundigte sich Lüppi.

„Ich solle lieber eine Hose und Bluse anziehen“, erwiderte sie.

„Weißt du jetzt warum ich das gesagt habe?“, erkundigte er sich und musste schon wieder gähnen.

Zur gleichen Zeit, im gleichen Haus,
auf derselben 2. Etage, Wohnung nebenan

Bei Schwarz/Buhrmann schellte es. Als Heike aufdrückte kam Nina mit ihrer kleinen Reisetasche die Stufen hoch. Sie hatte bei ihrer Freundin Mia und deren Mutter Vanessa Infantino geschlafen, da Gördi und Heike ja auch bei dem Einsatz gewesen waren.

„Hallo, Nina“, grüßte ihre Ersatz-Mutter sie.
„Warum schellst du an, du hast doch einen Schlüssel.“

„Ich dachte, ich klingele mal lieber an, nicht das ich euch bei etwas Wichtigem störe…“, gab sie als Erklärung an und grinste breit.

„Wobei hättest du uns denn stören können?“, fragte Heike sie und wusste nicht was sie meinte.

„Ich dachte, da ich ja nicht da bin, wärt ihr vielleicht dabei mir ein Geschwisterchen zu machen.“

„Ein Geschwisterchen?! Da muss ich dich enttäuschen, das hatten wir nicht vor!“, gestand Heike ehrlich.

„Nicht und ich dachte das wäre Standard, wenn Mann und Frau sich kennenlernen und zusammen ziehen“, gab Nina ihre Überlegung wieder.

„Komm erst einmal rein“, bat Heike.
Drinnen teilte Heike ihrem Gerhard mit.

„Gördi, unsere Tochter hat geglaubt, wir wären dabei ein gemeinsames Kind zu zeugen“, rief Heike ihm zu.

„Bitte was? Wie kommst du denn darauf?“, fragte er Nina.
Eine Unterhaltung über die gemeinsame Zukunft fing an, die über eine sehr lange Dauer anhielt.

Etwas später, im gleichen Haus,
eine Etage tiefer, Wohnung darunter

Petra und Mario waren aufgestanden. Auch die beiden sprachen über die vergangene Nacht. Torti und ihm war im Fiat über die Stunden ziemlich kalt geworden. Petra fragte sich daraufhin wie es wohl den beiden gehen würde.
Mario fragte seine Frau daraufhin, ob sie zu den beiden hoch wolle. Sie antwortete ihm mit einem ‚Ja‘ und beide gingen eine Etage höher. Dort klopften sie an.

Noch einmal etwas später, im gleichen Haus,
wieder in der 2. Etage, Wohnung von Torti und Lüppi

Nach dem Öffnen der Wohnungstür erfuhren die zwei, Torti war dabei den verspäteten Frühstückstisch zu decken, während Lüppi im Badezimmer war, um sich zu waschen. Mario erklärte sich bereit Brötchen zu holen und ging zum Gervinusplatz. Nach seiner Rückkehr frühstückten die vier zusammen. Das Thema war klar, die letzte Nacht und der Einsatz. Auch wurde der Einsatz der Kollegin Silke ein Thema. Petra und Lüppi schilderten unabhängig voneinander wie sie beide sie erlebt hatten.

„Ich fand sie wieder sehr aktiv, wie bei der Durchsuchung vom Hof Hempkeman. Da hat sie auch ganzen Einsatz gezeigt, sowie gestern auch“, teilte Petra ihre Sicht mit.

„Ja, stimmt. Sie war sehr aktiv und teilweise energisch bei der Sache“, war auch Lüppi der Meinung.

„Was schließt ihr zwei daraus?“, fragte Mario und gähnte.

„Sie scheint entgegen allen Annahmen meinerseits viel mehr bereit zu sein sich auf ihre neue Aufgabe einzulassen, als es von mir erwartet worden war“, gab Lüppi seine Überlegungen preis.

„Das ist doch schön für euch“, fand Torti.

„Papa, ist dir aufgefallen, dass Björn irgendwelche Probleme hat? Ich glaube, bei ihm läuft etwas nicht wie sonst“, fragte Petra.

„Nein, ist mir nicht aufgefallen, gääähn“, sagte Lüppi und das Telefon schellte Samstagmittag.

„Soll ich?“, fragte Torti.

„Nö, lass mal, ich geh schon“, erwiderte Lüppi, gähnte erneut, stand auf, ging zum Apparat und nahm den Hörer ab.

„Lüpke!“, rief er in den Hörer.

„Ich bin es“, war zu hören.

„Ach, hallo Santino. Rufst du privat oder beruflich an?“, fragte er und stellte auf laut.

„Beruflich, ich hoffe…, ich störe euch nicht im Augenblick bei etwas. Ich konnte nicht eher wieder anrufen“, teilte Santino Martinelli, Oberleutnant der Carabinieri, mit und hatte ein schlechtes Gewissen.

„Nicht direkt, wir Frühstücken gerade zu viert“, teilte Lüppi mit.

„Um die Uhrzeit?“

„Wir hatten gestern einen Großeinsatz in und um einer Groß-Diskothek, der bis 2 Uhr dauerte und bis wir dann im Bett waren, war es auch halb vier. Ganz ehrlich, wir sind alle ziemlich kaputt. Aber erzähl…, gääähn, was hast du denn Schönes?“

„Ich weiß jetzt was der Carbone und der Mascali am Lago Maggiore vorhaben“, teilte er mit.

„Und…, was is es?“

„Die haben ein Hotel gekauft, eines was direkt am See liegt. Den Verkäufer haben die aber so was von über den Tisch gezogen und dessen Notlage haben die richtig ausgenutzt, da machst du dir kein Bild von. Der Signore Cattaneo stand danach vor dem Ruin seines Lebens. Wahnsinn was die mit dem abgezogen haben.“

„Kannst du dem Herrn Cattaneo nicht irgendwie helfen?“, fragte Lüppi.

„Ist zu spät. Er hat sich inzwischen in seinem ehemaligen Hotel erhängt.“

„Ist das sicher?“

„Du meinst, ob er sich selbst… oder ob die Brüder?“

„Jo, genau das!“

„Nee, hat der Signore Cattaneo ganz alleine gemacht. Die Brüder sind am Lago Maggiore lammfromm. Wir können das gar nicht glauben. Dafür haben die jetzt ein handfestes Handwerker Problem!“

„Wieso, wollen die das Hotel umbauen?“

„Ja, inzwischen wissen wir auch was es werden soll. Es soll ein Hotel di sculture werden. Zu Deutsch, Hotel der Skulpturen. Klingt doch vielversprechend, oder?“

„Auf alle Fälle. Fragt sich jetzt nur noch, wie die sich das vorstellen…, oder weißt du das auch schon?“

„Nein, weiß ich nicht. Ich habe da eine Idee, aber ich weiß nicht was meine Vorgesetzten dazu sagen, wenn ich denen das vorschlage…!“

„Erzähl…!“

„Die bekommen keine Handwerker. Die Mancini-Brüder fahren seit zwei Tagen durch die Gegend, sprechen Gott und die Welt an und finden keine, die jetzt sofort Zeit
haben. Nun zu meiner Idee…, also besorgen wir, die Carabinieri, denen welche!?“, teilte Santino mit leicht unsicherer Stimme mit.

„Äh…, warum willst du das machen?“, fragte Lüppi und glaubte nicht was er gehört hatte, sah dabei zu den dreien zum Esstisch, um zu sehen, ob da einer den Sinn dahinter verstanden hatte.

„Ganz einfach…, so könnten wir dafür sorgen, das ganze Hotel in Zukunft überwachen zu lassen und alle abzuhören, wer auch immer dort absteigt. Ich gehe davon aus, dies werden genauso große Mafia-Größen sein wie die zwei.“

„Oder als Danke schön irgendwelche korrupten Beamte oder Amtsträger. Denn eines muss man sich ja mal fragen, da wir ja noch immer nicht wissen wie es sein konnte, dass der Mascali einfach in Genua entlassen wurde und nicht für Jahrzehnte weggesperrt worden ist.“

„Scheiße, das ist gut. Das ist das überzeugendste Argumente was ich vorbringen kann. Verdammt, ist das gut. Danke für deine Hilfe!“, freute sich Santino aufrichtig.

„Ich hab doch nichts gemacht…!“, erwiderte Lüppi.

„Doch, hast du. Du weißt gar nicht wie hilfreich du für mich immer bist. Noch einmal…, Danke, lieber Lüppi!“

„Nicht dafür, es freut mich aber, wenn ich dir etwas helfen konnte.“

„Ich habe doch schon mehrfach gesagt, es ist immer sinnvoll sich mit dir auszutauschen.“

„Das heißt jetzt also, du sprichst jetzt mit deinen Chef´s und schlägst denen vor, dem Carbone und dem Mascali Handwerksfirmen zu besorgen, was die selbst nicht geschafft haben. Das dies Geld kosten wird, wenn die Handwerker aktuelle Aufträge liegenlassen und weitere nach hinten schieben, ist schon klar?“

„Ja, warum sagst du das jetzt?“, fragte Santino leicht verunsichert nach.

„Das sage ich dir jetzt. Ich frage mich gerade…, wie du denen so ganz plötzlich und unerwartet Handwerksfirmen andrehen willst?“, teilte Lüppi seine Gedanken mit.

„Äh…, das weiß ich im Augenblick noch nicht!“

„Das wird nicht einfach sein, zumal davon auszugehen sein wird, die Mancini-Brüder werden die Handwerksfirmen überwachen, da du ja sagtest, die sind am Lago Maggiore lammfromm. Heißt dann ja wohl, die haben nichts weiter zu tun und machen die Aufpasser!“

„Stimmt, daran habe ich noch nicht gedacht. Mist!“
Keiner der beiden sagte etwas…, fast eine halbe Minute lang.

„Mmh, hast du da auch noch eine Idee für mich…?“, erkundigte sich Santino.
Lüppi sah zu den dreien, um zu sehen, ob da einer eine Idee hatte.

„Santino hat doch erzählt“, fing Mario an.
„Als er vor 12 Tagen in Düsseldorf war und wir ihn zum Abendessen dort getroffen haben, er wäre dabei den beiden Ober-Mafia-Bossen eine Villa anzudrehen, wo bereits ein Carabinieri Paar namens Bruni eingeschleust sind, nicht wahr?“

„Hast du gehört was Mario gesagt hat?“, erkundigte sich Lüppi.

„Ja, habe ich und ja, stimmt…, warum?“, bestätigte Santino.

„Diese Villa wird doch offiziell von einem Mailänder Bänker verkauft, auch richtig, nicht wahr? Hieß der nicht Signore Valentini?“, fragte Mario weiter.

„Äh…, ja…, ist alles korrekt.“

„Dann schlage ich dir folgendes vor…, gehe doch jetzt hin, besorge die Handwerksfirmen und zwar jetzt sofort. Sprich im Anschluss sogleich mit dem Signore Valentini, ob er bereit ist, den zwei Ober-Mafia-Bossen nicht auch direkt ein paar Handwerksfirmen an die Hand zu geben, die für die zwei und deren zwei Frauen die Villa umbauen könnten. Hintergrund ist, da die vier dort doch bestimmt nicht unrenoviert einziehen wollen würden. Das Ganze natürlich…, alles angeblich“, schlug Mario vor und grinste breit.

„Nicht schlecht“, sagte Lüppi und fügte seinen Gedanken an. „Die zwei Bosse und die Mancini-Brüder nehmen den Vorschlag an, kaufen spätestens deshalb dann schon die Villa und schicken die angebotenen Handwerker in ihr Hotel. Tätä!“

„Verdammt…, seid ihr gut“, kam es von Santino.

„Ja, aber…, da ist noch etwas…“, sagte Lüppi, machte eine Pause und sagte weiter. „Hinzu kommt noch etwas…, und das ist die noch viel schwierigere Aufgabe. Stellt sich die nächste Frage…, wie in Gottesnamen willst du es schaffen, dass die Handwerker, die dann das machen was dem Carbone und dem Mascali so einfallen, dies dann umsetzen und trotzdem dann versteckte Kameras und Mikrofone anbringen? Und die dürfen denen dann noch nicht einmal was sagen oder euch verraten?“

„Mmh…?“, kam es von Santino.

„Santino…!“, rief Torti.

„Ja, Marianne?“

„Du hast uns doch erzählt, als wir im September in Italien waren, ihr die Carabinieri habt doch alle möglichen Handwerker bei euch in den Reihen“, sagte sie und sprach aber nicht weiter, da ihr klar war, Santino wüsste nun was sie sagen wollte.

„Ja, ist richtig. Du meinst also, die könnten dann bei den Handwerkern mitmachen und so die Sonder-Einbauten überwachen und schauen, daß da auch keiner mit den Mancini-Brüdern redet. Das ist gut, das ist wirklich gut!“

„Vorschlag!“, sagte Mario.
„Rede mit den Handwerksfirmen, mach da alles klar. Spreche mit dem Signore Valentini, hole den auch ins Boot. Erkundige dich nach den Handwerkern bei euch und wenn du dann alles zusammen hast, dann sprichst du mit deinen Bossen.“

„Dann hätte ich alles parat, ich könnte die Entlassung von dem Mascali als einer der Hauptgründe nennen und keiner sagt mir dann, das würde doch sowieso nicht klappen. Mann, seid ihr gut. Ich könnte euch jetzt alle am liebsten knutschen!“, sagte Santino.

„Das heißt, du machst das so, wie von uns vorgeschlagen?“, fragte Petra.

„Ja und zwar jetzt sofort, bevor die doch noch Handwerksfirmen finden. Danke, ich melde mich wieder“, sagte er und es war nur noch „Tut, tut“ zu hören.
Noch lange sprachen die Vier über das Telefonat aus Italien.
Irgendwann fiel Torti ein, sie wollte für den nächsten Tag einen Kuchen backen, da Dirk und Dafina sich angekündigt hatten. Petra bot sich als Hilfe an, was Torti sehr gerne annahm. Da Lüppi meinte, Petra und Mario könnten doch dazu kommen, wurde aus dem runden Kuchen ein so genannter Blech-Kuchen. Sprich, der Kuchen wurde auf einem Backblech gebacken und so wurde es dadurch mehr.


3. Dezember 1995, Sonntag, 10.00 Uhr
Essen Frohnhausen

Die zwei saßen am Frühstückstisch, auch wenn sie wusste, ihr Ehemann wollte nichts von dem letzten Aufräumen im Haus ihrer verstorbenen Stiefmutter Thea hören, sprach sie es wieder an.

„Wir haben noch etwas in der Stankeitstraße zu tun.“

„Was bitte hast du gesagt?“, fragte er und lächelte verschmitzt.

„Du hast mich schon verstanden.“

„Bitte…? Ich verstehe im Augenblick kein einziges Wort von dem was du sagst.“

„Ich liebe dich…“, sagte sie recht leise.

„Ich dich auch“, kam es von ihm zurück.

„Ach…, wenn ich dir ganz leise ‚ich liebe dich‘ sage, dann verstehst du mich und wenn ich von der ‚STANKEITSTRAßE‘ spreche, dann verstehst du mich nicht?“, fragte Torti ihn und rief den Straßennamen schon.

„Wieviel Arbeit ist das denn noch…?“, fragte er genervt.

„Einen halben bis ganzen Tag, würde ich schätzen.“

„Kannst du den Rest nicht noch einmal mit deinen Arbeitskollegen machen?“, erkundigte er sich, auch wenn er wusste, dies würde nicht der Fall sein.

„Ich frag mal lieber Morgen nicht nach. Die Antwort von Theo kennst du bestimmt selbst.“

„War ja nur eine Frage!“

„Dessen Antwort du auch schon vorher kanntest“, wusste sie.

„Nächstes oder noch lieber…, übernächstes Wochenende!“

„Aber noch vor Weihnachten, bitte!“

„Ja, versprochen!“, bestätigte er und zog eine ‚Schnüss‘.

 

Sonntag, 15.00 Uhr
Essen Frohnhausen

Torti und Lüppi hatten den Kaffeetisch für sechs gedeckt und mussten auch nicht lange auf die vier ‚Kinder‘ warten.
Dirk und Dafina wollten sich einfach mal wieder bei seiner Mutter und Lüppi blicken lassen, auch wenn sie nur im Nebenhaus wohnten, aber trotzdem nur selten sahen.
Als sich alle gerade an den Kaffeetisch gesetzt hatten, schellte es an der Wohnungstür. Lüppi stand auf und ging zur Tür. Vor der Tür befand sich die Tochter der langjährigen Mieterin Frau Tengel, 88 Jahre alt, von unten links, sprich Erdgeschoss.

„Herr Lüpke, ich habe meine Mutter tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Sie sind doch von der Polizei. Könnten sie einmal schauen, ob sie eines normalen Todes gestorben ist oder ob da jemand nachgeholfen hat?“

„Oh…, nein…“, kam es im ersten Augenblick betroffen von ihm. „Aber na klar kann ich schauen. Erst einmal, herzliches Beileid für Sie“, sagte Lüppi und holte Petra dazu.
Gemeinsam gingen die drei zur Parterre. Dort schauten sich die zwei um und riefen kurze Zeit später einen Notarzt, der eine Stunde später den Tod feststellte und einen Totenschein ausstellte. Mario kam zwischendurch dazu, während Torti mit Dafina und Dirk oben in der Wohnung blieben. Als eine weitere Stunde später ein Beerdigungsunternehmen kam um die Verstorbene abzuholen, bat Petra ihren Vater, Frau Tengel als ungeklärten Todesfall zu behandeln. Er überlegte kurz und ließ den Leichnam in die Rechtsmedizin überführen. Der Tochter der Toten gefiel dies nicht.

 

4. Dezember 1995, Montag, 7.25 Uhr
Essen Frohnhausen

Torti und Lüppi waren dabei sich vor der Haustür zu verabschieden. Nach dem üblichen Kuss fragte sie ihn.

„Hattest du denn auch den Eindruck, dass bei Frau Tengel etwas nicht stimmen könnte?“

„Nein, eigentlich nicht. Meine Erfahrungen haben aber gezeigt, wenn jemand eine Vorahnung hat, dann ist es besser der nachzugehen“, antwortete er ihr und gab ihr einen weiteren Kuss.

„Dann bin ich mal gespannt was Stefanie, eure Rechtsmedizinerin herausfinden wird“, sagt sie zu ihm.

„Schauen wir mal“, meinte er.
Und nach einem ‚bis heute Nachmittag‘, trennten sich die zwei. Lüppi fuhr danach mit Petra zum Präsidium, sowie Heike und Gördi auch. Mario fuhr zur Staatsanwaltschaft. Nina ging bereits die Kölner Straße entlang, um ihre Freundinnen Jutta und Mia zur Schule abzuholen. Torti machte sich nun auf den Weg zur Straßenbahnhaltestelle der Linie 109, um von dort zwei Haltestellen weiter zur Schreinerei zu kommen, wo sie ja im Büro arbeitete.
Aber das wissen Sie bestimmt …

 

Montag, 7.58 Uhr
Polizeipräsidium Essen

Lüppi und die anderen drei waren zu dem Zeitpunkt im Büro angekommen. Von den vier Kollegen war noch nichts zu sehen. Wie gewohnt fing Gördi an Kaffee zu kochen.

„Sag mal Lüppi“, sprach Heike ihn an. „Was hat Torti vorhin mit der Frau Tengel gemeint gehabt?“

„Oh…, habt ihr das gestern gar nicht mitbekommen? Die Tochter von ihr, keine Ahnung wie die heißt, kam gestern Nachmittag, als wir gerade Kaffeetrinken wollten zu uns an die Wohnungstür und hat mitgeteilt, ihre Mutter wäre tot.“

„Ach, du Scheiße“, entfuhr es ihr.

„Wisst ihr woran die nette Frau Tengel gestorben ist?“, wollte Gördi wissen.

„Laut Notarzt, eines natürlichen Todes“, kam es von Lüppi.

„Deinem Ton nach zu urteilen, hast du Zweifel daran“, glaubte Heike.

„Ich eigentlich nicht…“, sagte er und schaute zu Petra.

„Ich aber. Mir haben die Äußerungen von der Tochter nicht gefallen. Das klang für meinen Geschmack alles so berechnend. Mir kam es komisch vor.“

„Ja, habt ihr dann nicht… und so…?“, fragte Heike nach.

„Doch haben wir“, antwortete Petra.

„Schauen wir mal, was herauskommt und ob dein Bauchgefühl, Petra, dich nicht getäuscht hat“, war von Lüppi zu hören.

„Und was ist, wenn ich richtig lag, mit meinem Bauchgefühl?“

„Dann bekommst du die ‚goldene Ermittler-Anstecknadel‘ für besondere Verdienste“, sagte Lüppi mal einfach so.

„Wau, ich wusste gar nicht, dass es die gibt“, kam es von Petra und alle drei sahen, sie war erstaunt und überrascht darüber, glaubte aber, dass es die geben würde.

„Soso, jetzt bin aber von den Socken, die so ganz besondere und nur selten verteilte ‚goldene Ermittler-Anstecknadel‘ habe ich noch nicht einmal bekommen“, teilte ein künstlich enttäuschter Gördi mit.

„Und ich auch nicht. Ich finde das nicht richtig. So geht das hier aber nicht“, protestierte Heike lautstark.

„Dann müsst ihr zwei euch mal mehr anstrengen. Nehmt euch mal an Petra ein Vorbild“, kam es von Lüppi.
Der Kaffee war inzwischen durch die Maschine gelaufen. Gördi schüttete in die vier Tassen den Kaffee ein und setzte sich wieder.
Auch um viertel nach acht, waren die vier nicht im Büro erschienen. Um zwanzig nach, fragte Petra ihren Vater.

„Soll ich mal nachhören?“, und hatte auch schon den Hörer in der Hand.

 

 
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